Keine Angst vor der Facebook-Demokratie

Gastbeitrag
Publiziert auf persoenlich.com und grafmix.wordpress.com/nb

Amnesty International sammelt für Volksinitiative erstmals online.

Zum ersten Mal kann in der Schweiz eine Volksinitiative online unterzeichnet werden. Für die Konzernverantwortungsinitiative sammelt Amnesty International mit dem „eCollector“, den Daniel Graf von gamechanger entwickelt hat, Unterschriften im Internet. Wie das Tool funktioniert und ob es wirklich Erfolg verspricht, lesen Sie im Interview mit dem Entwickler.

Am Dienstag wurde der „eCollector»“ lanciert. Worum geht es?
Daniel Graf: Der „eCollector“ ist ein Tool, das Organisationen und Initiativkomitees eine einfache Online-Sammlung von Unterschriften für Volksinitiativen und Referenden erlaubt. Man könnte sagen, wir bieten den bequemsten Weg, um rasch eine Initiative im Netz zu unterschreiben.

Wer ist „wir“?
Der „eCollector“ ist ein Gemeinschaftsprojekt von gamechanger und der Webagentur Liip. Die Lancierung des „eCollector“ erfolgte in Zusammenarbeit mit Amnesty International anlässlich der Konzernverantwortungsinitiative, die alle Unternehmen mit Sitz in der Schweiz zu einer Sorgfaltsprüfung im Bereich Menschenrechte und Umwelt verpflichten will.

Wie kam es zu der Idee?
Viele Organisationen, Parteien und NGO wie Amnesty International verfügen heute über eine breite Online-Kontaktbasis und auch im Netz über treue Aktivistemn, die beispielsweise regelmässig Online-Petitionen unterstützen. Dieses Potenzial wollten wir nutzen. Aus der Praxis ist zudem bekannt, dass – bedingt durch den Aufwand – nur wenige Menschen ein PDF herunterladen, es ausfüllen und zurückschicken. Das gilt insbesondere dann, wenn sie unterwegs sind und die Informationen auf dem Smartphone erhalten.

Der „eCollector“ ist eine Art Web-Plattform. Was steckt dahinter?
Der „eCollector“ nutzt erstmals die Möglichkeit, persönliche Daten für einen personalisierten Unterschriftenbogen zu verwenden. Das heisst, wer eine Initiative oder ein Referendum online unterschreiben will, erhält per E-Mail ein automatisch erstelltes PDF, in dem die benötigten persönlichen Angaben (Vorname, Adresse, Geburtsdatum) bereits eingefüllt sind. Sie oder er braucht nur noch den Nachnamen anzugeben und zu unterschreiben, anschliessend kann das Dokument ausgedruckt und zurückgeschickt werden. Rechtlich ist es so, dass bei nationalen Initiativen Nachname und Unterschrift zwingend handschriftlich angegeben werden müssen.

PDF in der Mailbox klingt gut. Aber was machen Leute, die unterwegs sind oder keinen Drucker haben?
Wer will kann sich mit dem „eCollector“ das ganze Paket per Post, sozusagen analog, gratis nach Hause schicken lassen und dann den unterzeichneten Unterschriftenbogen zurückschicken. Erste Erfahrungen mit der Amnesty-Initiative zeigen, dass rund 10 Prozent diesen Postservice in Anspruch genommen haben.

Die Erhöhung der Unterschriftenzahl für Volksinitiativen auf 200’000 ist ein heisses Thema. Leistet der „eCollector“ den Befürwortern Vorschub?
Ich denke, wir sollten keine Angst vor einer Facebook-Demokratie und vor stärkerer politischer Partizipation haben. Selbstverständlich kann man darüber diskutieren, ob die heutige Unterschriftenzahl adäquat ist. Eine lebendige Demokratie darf aber nicht auf Ausschluss setzen, wenn sie die nächste Generation im Boot haben will.

Bis jetzt werden Unterschriften auf der Strasse gesammelt. Fehlt im Netz nicht die Möglichkeit des direkten Gesprächs, um Skeptiker zu überzeugen?
Interessierte finden auf der „eCollector“-Website kurze und knappe Informationen zum Anliegen der Initiative. Amnesty International hat zusätzlich ein Informationsvideo produziert, das in zwei Minuten alles erklärt. Darüber hinaus ist die Kontaktpflege ein Grundprinzip des „eCollector“. Per E-Mail wird nachgefasst, weil wir davon ausgehen, dass Empfänger oft beschäftigt sind, wenn die erste Mail mit dem Unterschriftbogen bei ihnen eintrifft.

Was ist das Ziel? Wie viele Unterschriften sollen online zusammenkommen?
Wir hoffen auf 5’000 bis 10’000 Unterschriften, die wir mit dem „eCollector“ sammeln können. Da bin ich sehr zuversichtlich, in den ersten 24 Stunden sind bereits 3’500 Unterschriften eingegangen.

Steht der „eCollector“ allen Organisationen offen?
Im Prinzip ja, eine Art Lizenzierungsmodell ist in Planung. Technisch ist das Tool so gestaltet, dass parallel mehrere Unterschriftensammlungen gleichzeitig möglich sind. Sammelaktionen können darüber hinaus kurzfristig lanciert werden, denn gerade bei Referenden ist die ja jeweils Zeit knapp.

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